60 Jahre - Diamantene Hochzeit (6.Juni 2010)
Nun sind sie also doch gekommen, die Eltern, "Schnuppi" und Hansi, ein Paar aber nun eben auch ein Pfleger und ein Patient. Es war sehr heiß, selbst am Eastern Shore und schon Ende Mai. Nina war mit dem in Gips gelegten Liam in Baltimore verblieben, Jonas, Brittany, Vera und Chas, wir machten uns in zwei Wagen kurz nach dem frühen Frühstück auf den Weg nach Rock Hall.
Dirk hatte die Eltern schon am Tag zuvor hierher kutschiert und sich mit Bodo, Walle, Wolfram und Gabi getroffen. Jetzt am Mittwochmorgen um kurz nach zehn waren alle mit dem Frühstück fertig und erschienen nach und nach auf den Stufen des in heisse Sonne getauchten Bed and Breakfast Hunting Field. Hans und Inas Körpergröße und Haut waren vielleicht etwas mehr geschrumpelt ,sie sahen aber im wesentlichen wie immer aus, jedenfalls wollte ich mir dies einreden. Bei genauerer Betrachtung hat Ina allerdings irgendwie ungesunde Farben im Gesicht, zu rot, auf jeden Fall, Blutdruck vielleicht. Dann sind da aber auch noch andere Farben, die für mich schwer auszumachen sind. Umarmung, ein etwas feucht haariger Kuß von der Mutti, „mein Erstgeborener“ sagt sie. Momentan war alles wie immer.
Demenz in den Anfängen fügt sich lückenlos ins Persönlichkeitsbild ein. Springt nicht hervor wie ein wildes Tier, man muss sie suchen und findet sie in ewig wiederholten Fragen und in Vergesslichkeit. Aber auch diese ist nicht vorhersehbar, nicht nur ist vieles aus der tiefen Vergangenheit durchaus präsent, nicht nur ist das English Vokabular unverändert, wenn nicht sogar verbessert, da sind auch exakte Erinnerungen von Dingen vom Vortag oder Plänen, die den nächsten Tag betreffen. Da ist auch immer noch Ironie und Schlagfertigkeit. Die schon immer etwas stereotypen Beobachtungen über das Leben am Wegesrande kommen nun standardisierter, doch all dies ist unverkennbar Ina.
Wir haben gegessen, getrunken, Reden gehalten, gefeiert und sogar gesungen. Bodo hat die Ehe zutreffend charakterisiert, Dirk hervorragend übersetzt. Dann haben wir mit Hannahs zweiter Hochzeitsfeier noch einen draufgesetzt und Hans und Ina haben sogar getanzt. Helki hat endlich ihre Großeltern (wieder-)entdeckt und ein jeder Tag begann mit einem gemeinsamen Familienfrühstück.
Gestern, 11 Tage spaeter, Abschiedsfahrt von Catonsville nach Dulles. Ina vorne sitzend, der Hans hinten im Jetta, schweigsam, da redert sie in einem fort über den Verkehr, Aufschriften der vorbeifahrenden Fahrzeuge, was es bedeutet nun zwei Söhne im fernen Amerika zu haben und was um alles in der Welt hier denn nun soviel besser sei als in Deutschland. Als ein Unfall die entgegenkommenden Fahrspuren blockierte und einen langen Stau zur Folge hatte, beobachtete sie wie einst als wir zusammen gen Norden in den Urlaub fuhren, was dies doch nun für arme Schweine seien, dort festzusitzen und nicht zu wissen was vorne los sei. Die Tatsache daß man sich in umgekehrter Richtung frei vorwärts bewegend in diesem Doppelvorteil befindet, daß man ungehindert fährt und zudem weisswas die anderen aufhält, während diese still stehen und nichts wissen, hat sie schon immer fasziniert. Hans brütet derweil darüber, daß dies wohlmöglich seine letzte Reise in die USA war, oder jedenfalls vermute ich dies. Ob auf unserem Spaziergang oder beim letzten Tee und Bier am Flughafen, lenken wir die Gespräche auf den Ölteppich im Golf von Mexico, den elektrischen Circulator Bus oder das I Phone, auf männliche Themen, die ungefährlich und unpersönlich sind. Wir sprechen natürlich auch von Ina und wie ihn diese Umstellung von Partnerschaft auf Pflege belastet.
Da er natürlich Auskunft über meine Zukunft geben könnte und erst Recht über meine Vergangenheit, vielleicht sogar gerne über seine Erinnerungen, Ängste, Erwartungen und Probleme im hohen Alter reden würde, empfinde ich meine und seine Unfähigkeit diese Themen anzusprechen als mein persönliches Versagen. Ich träume von den verpassten Gelegenheiten, stehe die ganze Woche unter Spannung, da ich weiß, daß diese Woche mit den Eltern sich nie mehr wiederholen wird, daß Ina beim nächsten Mal nicht mehr dieselbe sein wird, nicht nur im streng akademischen Sinn von Zeit und Raum, sondern ganz konkret, als Person. Nun, da sie wieder in Heidenheim weilen und meine Welt sich langsam wieder ins Gewohnte einpendelt (wenn da nicht Nayna’s morgige Operation wäre) schreibe ich hier auf, was gewesen ist um wenigstens das Wenige, das ich wahrgenommen habe, festzuhalten.
Hans und Ina, die am Flugplatz hinter der Abgrenzung verschwinden, die die Passagiere von den Zurückbleibenden trennt. Die Rolltreppe macht sie kürzer und kürzer, nochmal winken, dann sind sie allein dem Mahlwerk der Kontrollen und der Abfertigung überlassen und ich fahre ebenfalls allein zurück über den nunmehr staufreien Beltway.
Ina hatte mindestens dreimal gefragt ob wir dieses Jahr nochmal gedenken, nach Deutschland zu kommen und dreimal habe ich geantwortet, daß mit Jonas Hochzeit und Hannahs Feier in Istanbul daran wohl nicht zu denken sei und mir jedesmal ausgerechnet, wie weit der geistige Fall bis 2011 wohl fortgeschritten sei und mich gefragt ob so eine Reise nicht wichtiger sei als Geld, Urlaubstage, Büro und all die Verpflichtungen hier und mir gleichzeitig eingestanden, daß ich gerne in diesen Alltag zurückschnappe, wo Dinge geordnet erscheinen und wo die Fragen nach Tod und Leben und vor allem dem Sinn des Lebens wieder ohne weiteres verschoben werden können.