13.3.2011
Tsunami ist ein japanisches Wort und von Japan hat die Welt diese Woche gelernt, was es bedeutet. Während die indonesische Flutwelle vor ein paar Jahren nur vereinzelt gefilmt worden war, haben die Japaner schon gleich nach der Warnung Hubschrauber in die Luft geschickt, die dann mit entsetzlicher Präzision dokumentierten was wie ein unendlicher Alptraum auf den Bildschirmen erschien. Wasser das sich als endlos breite Front mit etwa der Geschwindigkeit eines PKWs auf einer Landstrasse über das Flachland ausbreitet und alles niederwalzt, was im Wege steht. Kleine Häuser schwimmen gleich weg, grosse stehen eine Weile und fallen dann in Zeitlupe in die Wassermassen, die Dächer schwimmen wie Boote als Treibgut davon. Wir werden Zeuge davon wie sich das Wasser auf einen Fluss vorarbeitet, ihn in Sekunden seitlich auffüllt und sich gleich darauf auf der anderen UferSeite wieder auf den Weg macht als wäre da nie ein Fluss gewesen. Wir sehen wie das Wasser auf eine Landstrasse zurollt und wie Autofahrer in Panik vor und zurückfahren um dem Wasser zu entkommen. Wir sehen auch wie unverzagte Zeitzeugen auf Augenhöhe von einem Balkon die Strasse filmen auf der eben noch ein Minivan vorbeifährt bevor sie sich in einen wilden Fluss verwandelt, weit reissender als ein Gebirgsbach bei der Schneeschmelze. Autos kommen nun in rasender Fahrt drei Meter überm Asphalt durch die Strasse geschossen, auf den Wassermassen schwimmend, die Kühlerhaube nach unten wie eine Ente beim Tauchen.
Diese Bilder sind so unwirklich, so grauenhaft, sosehr wie ein schlimmer Alptraum oder ein wüster Horrorfilm, dass man sich selbst auf dem Sofa im fernen und sonnigen Catonsville sitzend nicht mehr ganz sicher fühlt. Und dieser Alptraum überlagert mit den Zerstörungen eines unfasslich starken Erdbeben und nun auch noch dem möglichen Super GAU nicht nur eines, sondern mehrerer Kernkraftwerke ergibt eine Katstrophe, die jede Vorstellungskraft sprengt.
Haiti war auch so ein Fall, aber wir konnten uns einreden, dass es in diesen armen unterentwickelten Ländern eben immer so schlimm ausfällt, weil die vor lauter Armut und Korruption eben keine sicheren Gebäude bauen, keinen Katstrophenschutz kennen oder eben auch in der Katastrophe schlicht desorganisiert bleiben. Dass wir eben nicht so sind und uns dies deshalb nie so widerfahren würde.
Aber Japan? Dieser Hort der Selbstdisziplin und Effizienz wo jedes Schulkind schon dutzende Male den Ernstfall geprobt hat, Erdbeben und Tsunami? Dort, im drittstärksten Industrieland der Welt nun Energieengpässe, Hunger, Wassermangel und Kernschmelze?
Gerade als sich weltweit eine Renaissance der Nuklearenergie breitmachte, weil man 25 Jahre nach Tschernobyl eben schon wieder vergessen kann, weil Kernspaltung eben Carbon neutral ist und weil Öl gerade mal wieder sehr teuer geworden ist, dank sich rasch verbreitender Befreiungsbewegungen in Nordafrika. Gerade als sich die Weltwirtschaft von der Finanzkrise zu erholen scheint, gerade nun also dies, der Beweis, dass wir und unsere sicheren Atomkraftwerke eben doch verwundbar sind. Dass die Natur lässig die Oberhand hat, auch wenn wir sie verwunden können.
Die Medien, die die Filmchen mehr oder weniger in Echtzeit abspielen können, sind dennoch völlig überfordert, die Lage irgendwie angemessen einschätzen zu können. So klaffen Bilder und die geschätzte Zahl der Opfer (da war zunächst die Rede von 60 Verschütteten) so diametral auseinander, dass es eigentlich jedem Fernsehzuschauer sogleich auffallen müsste. Zwei Stunden nach der Flut redet man auf NPR von den Einwirkungen, die dies Ereignis auf den Yen haben könne. Heute machte der Football Streik sich breit auf Seite eins der SUN. Constellation erklärt seine Reaktoren für sicher. Die USA bereiten sich auf St Patricks Day vor. Das Bier wird grün gefärbt.
Wie 9-11 wird auch diese japanische Katastrophe sich irgendwann auf die Psyche der Welt legen, auch wenn es noch ein wenig dauern wird. Auch dann, wenn die Reaktoren am Ende doch nicht völlig dahin schmelzen und wenn letztendlich in ein oder zwei Jahren die Zerstörung wohlmöglich die japanische Wirtschaft ankurbelt.
