Tuesday, December 15, 2009

Liam loves Life, Life Loves Liam

Mein Freund hat die Welt unter Kontrolle. Wo auch immer er hinkommt versucht ein jeder ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen. Völlig Unbekannte wollen seine Bekanntschaft, mit ihm zur Seite halten Autos an jedem Fußgängerüberweg, findet jedes Restaurant einen Tisch und wird jede Tür freundlich aufgehalten. Wie jede berühmte Persönlichkeit, verhält er sich wie ein ganz naher Freund und vergißt dich sobald man außer Sichtweite ist. Doch sein Name findet sich nicht im Facebook und auch nicht in der New York Times. Er ist nichtmal nen Meter groß, er kann weder laufen noch lesen oder schreiben und seine Sprache ist meistenteils außerhalb des Repertoires der Wörterbücher. Er kann sich weder anziehen noch waschen, er ist nicht stubenrein und wühlt mit den Fingern im Essen.

Und dennoch läßt er mich die Welt vergessen, wenn er mich anlächelt und läßt mich die Welt neu entdecken, wenn ich seinen Anweisungen folge. In seiner Welt gibt’s nichts mittelmäßiges. Er sitzt nicht herum wie eine Zimmerpflanze, nein in ihm spiegelt sich die Welt und er macht die Welt zu seiner Welt. Er ist sowohl ein enthusiastischer Teilnehmer und als auch ein nachdenklicher und genauer Beobachter. Wenn man mit ihm im Tragebeutel unter einem Regenschirm durchs nächtlich regnerische New York marschiert wird dieses etwas feuchte Unterfangen zu einem Abenteuer. Man muß nur seinen leuchtenden Augen folgen um erstmals zu entdecken wie die Regentropfen auf dem Schirm unter den Straßenlaternen zu einem glitzernden Feuerwerk mutieren. Wenn er diese nunmehr gemeinsame Entdeckung mit „mmmh, I like it“ kommentiert, dann verwandelt sich der kalte Niesel in ein Glasperlenspiel und die nassen Füße sind vergessen.

Umgekehrt wenn seine Welt nicht in Ordnung ist macht sich bald überall Verzweiflung breit. Verzweiflung verkörpert er ausdrucksvoll wie Edvard Munch. Nach einem von Husten zu früh unterbrochenen Mittagsschlaf sieht seine Welt sehr düster aus, man kann es ihm aus dem Gesicht lesen, so unglücklich kann nur einer sein, der vollständig in der Gegenwart lebt. Existenzielle Verlassenheit findet hier ihren Ausdruck, die ganze Vergeblichkeit des Lebens verkörpert sich in diesem kleinen Bündel. Nun muß die belebte 72igste Straße zu Hilfe kommen.

Ich stelle mich mit ihm auf dem Arm auf den Sims der hohen Apartment Fenster um auf die Straße hinunterzusehen, die vier Fahrbahnen, die Radfahrer, die hastenden Fußgänger, die beleuchteten Schaufenster und die dunklen Figuren, die jaywalken, also einfach mitten im Block die Straße kreuzen. Diese wimmelnde Aussenwelt fasziniert den kleinen und den großen Mann, der eifrig versucht neue Worte wie Car, Bicycle, Bus und Taxi zu lehren. Dies war nicht unbedingt von Erfolg gekrönt aber doch von erfreutem Jauchzen wenn zum zwanzigsten Mal in zwei Minuten das Wort „Taxi“ aufkommt. Der Weltschmerz ist beendet. Hier am Fenster hellt sich Liams Welt wieder auf.

In acht Stunden wird er nach fünf Tagen Trennung seine Mutter mit den Worten „Mama kiss“ begrüssen. Er liebt das Leben und das Leben liebt ihn zurück.

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