Thursday, June 11, 2009

Obama 2009 24. Januar 2009

 

Berlin brachte 250,000 jubelnde Menschen auf die Beine als es nur um einen Präsidentschaftskandidaten ging. In der Heimat des Kandidaten, den fast 300 Millionen Einwohner starken USA dauerte es bis zur Investitur bis dieser Rekord gebrochen wurde, dann aber immerhin fast um das zehnfache.

 

Hiervon in derselben Woche zu berichten, in der dies Ereignis stattfand erscheint beinahe müßig  in einer Zeit, in der dank Internet und Twitter, dank Blackberry und photographierenden Handies alles zeitgleich und weltweit gesehen und gehört werden kann. Alle Kanäle voll von der Vereidigung, jedes Wort gewogen, jede Geste erläutert, was kann man da hinzufügen? Wir haben von den Kommentatoren und Berufschwätzern längst gelernt, dass Obama in der Reihe neben Kennedy und Lincoln steht, dass die Vereidigung ein historischer Moment war, dass sich in Washington noch nie so viele Menschen zu einem einzigen Ereignis versammelt haben, dass der Mantel der Gattin von einer sehr jungen Designerin stammte, aber dennoch eher wie ein Bettüberwurf aussah, dass die Antrittsrede hochfliegend war und dennoch eher wie ein Bericht zur Lage der Nation und das Gestammel während des Eides auf einen übereifrigen Verfassungsrichter zurückzuführen war, der zu eitel war um abzulesen und dann eben doch gleich im ersten Satz ein Wort vertauschte.

 

Was also kann einer berichten, der sich am Dienstagfrüh statt ins Büro zu fahren auf den Weg nach Washington machte? Zeit und Strecke waren zunächst sogar dieselbe, 7.30 aus dem Haus und mit dem VW Diesel auf die US 40 nach Osten. Dann jedoch, 1.5 Kilometer  vor dem Büro gibt es da den S Bahn Haltepunkt West Baltimore, den ich schon als Architekt und Planer in allerhand Beziehungen untersucht und verplant hatte. Hier also galt es das Vehikel abzustellen, denn man konnte an diesem Tag natürlich nicht so einfach nach Washigton fahren und dort parken, nichtmal wenn man die U Bahn nehmen wollte und an einem dieser außenliegenden Bahnhöfe haltgemacht hätte. Diese Parkplätze waren schon seit 6 Uhr morgens voll.

 

Der Zug nach Washington ist mit den deutschen S-Bahnen nicht so ganz zu vergleichen. Zwar umfasste auch diese Bahn immerhin sechs große Doppelstockwagen, wie man sie um Frankfurt herum sieht, aber an diesem alten historischen Haltepunkt neigen sich die Wagen halt in eine Kurve und man kann nur an zwei Türen mittels Trittstuhl einsteigen. Weil der Lokführer etwas zu weit gefahren war musste der gesamte Zug erstmal einen Meter zurücksetzen, etwas was im DB Handbuch wohl kaum vorkommt. Die Schaffner hatten dieselbe Uniform an, die Lincoln wohl auch schon gesehen hatte, als er damals zur Amtseinführung durch per Bahn Baltimore reiste wie am Samstag auch der neugewählte Präsident. Ich muß sagen, dass mir diese Uniform aber mehr zusagt als diese modischen Anzüge der gegenwärtigen deutschen „Zugbegleiter“.

 

Auch der Bahnhof in der Hauptstadt, obwohl ein architektonisches Prunkstück, ist vom Zugbetrieb her gesehen eher eine provinzielle Angelegenheit. Nicht so heute: Der Bahnsteig war voller Menschen, denn gegenüber war auch gerade ein Zug eingefahren und die Bahnhofshalle war so voll, dass es kaum noch Stellfläche gab für diejenigen, die sich in langen Reihen vor den Klos aufstellten um noch ein letztes Mal pinkeln gehen zu können bevor, eingekeilt zwischen Zehntausenden, an solche Banalitäten nicht mehr zu denken war.

 

Hier in der Halle standen noch hilfreiche Ordner mit Tafeln, die auf den Ausgang hinwiesen. Doch auf dem Vorplatz ist es dann mit der Orientierung schon zu Ende. Hier verknäueln sich mehrere dieser diagonalen Prachtstraßen, die sich er Franzose L’Enfant für Washington ausgedacht hatte. Die regulären Buchstaben und Nummernstraßen zwacken hier vor dem Union Station kleine Verkehrsinseln ab, die allenthalben Ampeln und Aufstellflächen für Fußgänger beherbergen. Man sieht zwar das Capitol irgendwann durch die Bäume schimmern, aber Pennsylvania Avenue, die Route für den Präsidentenkonvoi und Parade zum Weissen Haus, ist eine der Diagonalen und kann heute nicht überquert werden. Umwegig geht’s zum Autotunnel, der normalerweise eine Schnellstraße unter der Mall hindurch nach Süden führt. Heute füllte sich der Tunnel nur mit Fußgängern und Blaulichtwagen, die überall herumirrten. Schon in den Straßen vor dem Bahnhof konnte man diese Bevorzugten bewundern, die meist in dunklen SUVs der Marke Chevrolet mit getönten Scheiben und listig versteckten blauen und roten LED Blinkern und lauten Polizeisirenen durch das Getümmel kurvten. Gouverneure, Bürgermeister, Polizeipräsidenten, Bodyguards, jeder, der was auf sich hält, hat zumindestens eines dieser Ungetüme unter seiner Kontrolle. Die Umweltbewussten, können nun ein Tahoe Hybridmodell kaufen und schreiben dies groß auf die Frontscheibe, so wie unser Gouverneur, Martin O’Malley. Heute waren derartig viele dieser Gefährte hier zusammengekommen, dass ganze Straßenzüge mit ihnen vollgeparkt waren.

 

So ein Tunnel ist eine lange Strecke, wenn man zu Fuß durchläuft, einschließlich Abfahrtsrampe und Ausfahrt. Jeglicher Orientierung beraubt kommt man auf der anderen Seite heraus um dann wieder ins Geflecht der Nummern, Buchstaben und der Diagonalen einzutauchen.  Quergestellte Linienbusse sollen ohne Zweifel verhindern, dass munitionsgeladene Terroristenlaster auf die Mall fahren und die Vereidigung versauen. Mit zwei Millionen Menschen auf den Beinen wäre so was aber ohnehin gar nicht denkbar  und so verstopfen die Busse dem Mahlstrom den Weg, der sich nun durch die engen Passagen an beiden Enden zwängen muß. Es ist alsbald klar, dass sich in der C Straße zur Mall, die ich als Zugang zum Silbertor ausgemacht hatte, wo alle die mit den silbernen Eintrittskarten durch die Sicherheitskontrolle müssen, auch Inhaber der blauen Karten vorfanden und ebenfalls Tausende, die gar keine Karten hatten. Silberkartenhalter und Blaukartenhalter irrten umher um das jeweilige Ende ihrer Warteschlangen zu finden bis diejenigen, die ohne Karten den Rückzug antreten wollten, die gesamte verbleibende Bewegungsfläche blockierten. Dann bewegte sich nichts mehr. Vorne Menschen, hinten Menschen, der Ausgang von den Bussen verstellt, an den Seiten Betonbarrieren und Häuser. Es wurde immer enger, die kleineren Menschen blickten angstvoll. Kann man hier wohlmöglich erdrückt werden?

Es war in dieser Lage schon eher ein Kunststück das Handy aus der Tasche zu ziehen und eine Textmessage abzusenden: „eingeklemmt, kann nicht mehr weiter“. Dies war insbesondere deshalb unerfreulich für mich, weil meine Bekannte Laura meine Eintrittskarte noch in ihrer Obhut hatte und, wie ich ihrer Textmessage entnahm, etwa 40 Meter weiter vorne knapp vor dem Kontrollpunkt ungeduldig wartete. Ein oder zweimal bewegte sich die Menge ein paar Meter. Nun kam ich neben einem Feuerwehrkommandowagen zu stehen, aus dessen offenem Fahrerfenster immerhin warme Luft strömte. Es war nun schon nach elf und gelegentlich drangen kleine akustische Fetzen von der unzugänglichen Mall in die verstopfte Seitenstraße. Die tausenden von Privilegierten hier, die ganz stolz diese Eintrittskarten ergattert hatten, fühlten sich geprellt. Da wäre es doch besser, ohne Karte ganz hinten auf der Mall zu stehen, als hier auf dem Abstellgleis, ganz ohne Sicht und fast völlig ohne Ton. Die Karten hoch über den Köpfen schwenkend begann die Masse sich zu wehren, erst mit Sprechchören und dann mit Drücken. Ich war zu weit hinten um zu sehen, was genau passierte, aber plötzlich löste sich der Klumpen, man begann vorwärts zu rennen, auf die Mall. Auf der Höhe des silbernen Gates sah ich Ordnungskräfte, die versuchten, die überrannten Sperren aus dem Weg zu räumen. Noch immer gab es vorne Platz, die Mall war in diesem Bereich keineswegs voll, denn die Kartenhalter waren ja nicht eingelassen worden. So ein das Drängeln gewohnter Europäer kann in so einer Situation schon ganz schön weit vorpreschen und so gelangte ich dann ganz in die Mitte der Mall, genau auf der Zentralachse und hundert Meter oder so östlich der C Strasse, näher am Capitol also. Und nun geschah das Merkwürdige: Hier angekommen, das Capitol strahlend weiss vor dem blauen Himmel, die Zeremonie deutlich hörbar aus den nahen Lautsprechern, hinter mir so weit das Auge reicht eine Million oder mehr Menschen, war aller Frust wie weggeblasen. Hier und jetzt war es greifbar, alle Menschen waren Brüder. Zwei Gefühle waren so dick vorhanden, dass sie sich per Osmose auf alle übertrugen. Ergriffenheit und Freude. Stille Tränen und lauter Jubel bei jeder sich bietenden Gelegenheit, egal ob schwarz, weiss oder gelb, Mann oder Frau, Jude, Christ oder Muslim, jung oder alt, egal ob aus DC, Maryland oder Oklahoma und wahrscheinlich sogar egal, ob gelegentlich Republikaner.

 

Dieselbe Sonne schien auf alle und machte die minus ein Grad erträglich. Doch weit wärmender, die Hoffnung, die ein Mann verbreitete, dessen Name immer wieder in Sprechchören erklang. Dieser Mann, der nun in ein paar Augenblicken endlich dieses höchste amerikanische Amt übernehmen wird und Worte sprechen wird, die man acht Jahre lang aus nicht Präsidentenmunde vernehmen konnte. Dieser Mann, der die Ungläubigen in seine Worte einbeziehen wird, der Muslimführer ermahnen wird, dass ihre Völker sie danach beurteilen werden, was sie bauen können und nicht was sie zerstören können und der dieses Volk aufrütteln wird mit der Aufforderung unsere Behäbigkeit gegen Gemeinsinn und Aktivität einzutauschen.  Er zitierte General Washington, den Vater der Nation, der von einer Schlacht sprach, aber es passte gerade jetzt und hier, denn wieder war es Winter und wieder war die Lage ernst, sehr ernst:

"Let it be told to the future world ... that in the depth of winter, when nothing but hope and virtue could survive...that the city and the country, alarmed at one common danger, came forth to meet (it)."

 

Endlich konnte ich Patriot sein, was für mich nichts anderes bedeutet, als mit meiner Entscheidung hier als Amerikaner zu leben, im Reinen zu sein.

 

 (Fortsetzung folgt)

 

Teil 2

Der bisher kälteste Tag dieses Winters fiel auf Samstag den 17.1. 2009, den Tag an dem Obama auf den Spuren Lincolns mit dem Zug von Philadelphia nach Washington fuhr. Zu diesem Zweck war an die normalen Amtrak Waggons ein historischer Wagen mit offenem Perron angekuppelt worden, von dem aus der künftige Präsident den Menschen winken konnte. In Wilmington stieg Vizepräsident in spe Joe Biden zu, beide sprachen dort auf einer kurzen Kundgebung. Während dieser Anreise war ich schon längst auf dem Weg zum Rathausplatz in Baltimore, der einentlich jedoch War Memorial Plaza heisst. Unsere Oberbürgermeisterin hatte sich mit Obama schon in Chicago darüber unterhalten, wie er doch sehr schön von der erhöhten Rathaus Veranda sprechen könne und sich dabei wohl selbst an seiner Seite vorgestellt hat. Dann, eine Woche vor der Ansprache, wehte ihr eine Klageschrift auf den Schreibtisch, in der sie in 12 Punkten des Betrugs und des Diebstahls angeklagt wird. Die Obama Leute drehten die Ansprache daraufhin  um: Selber Platz, doch Obama steht auf der anderen Seite und die Dame OB wird sich nicht an seiner Seite zeigen. Dank dieser Neuanordnung wird der eisige Nordostwind nun von vorne in unsere Gesichter blasen, aber vorerst stehen wir noch wie zur Schlacht in Bataillonen aufgestellt in verschiedenen Zufahrtstrassen. So einfach auf den Platz laufen wie weiland als Willy Brandt auf dem Heidenheimer Bahnhofsplatz sprach, nein das gibt’s nicht mehr. Ein Bataillon nach dem anderen wird nach langer Wartezeit auf einen Parkplatz geleitet, auf dem statt Autos in zwei langen Zelten zwei Reihen von Metalldetektoren aufgestellt sind. Alle Metallgegenstände aus den Taschen kramen, durch das Portal treten, genau wie auf dem Flugplatz. Und das fünfzigtausend mal, denn etwa so viele Leute passen auf den Platz, und der war am Ende trotz der Eiseskälte voll. Hier also testete ich meine Winterkleidung und meine Begeisterungsfähigkeit und stellte erste Beobachtungen darüber an, wie das Volk zwar die Strassen einnimmt, aber dank Überwachungsstaat und  Heimatschutz vor lauter Reih und Glied kaum auf revolutionäre Gedanken kommen kann.

 

Ich bin kein großer Jubler, stadionunerprobt. Wenn alle schreien, bleibe ich lieber still. So also stand ich inmitten der frierenden Menge, die allem Anschein nach nicht nur aus Baltimore stammte, sondern schon von Besuchern angereichert war, die zur Amtseinführung in die Region gereist waren und diese Kundgebung wie ich (und, wer weiß, vielleicht auch Obama) als Übung ansahen. Elijah Cummings, der Sprecher der Schwarzenfraktion (Black Caucus) im Kongreß hielt eine feurige Einführungsrede, ihm folgte unser Gouverneur mit einer eher blumigen Rede, die mit allerhand Buhs kommentiert wurde bis schließlich Barack und Michelle auf dem Podium erschienen und  begeisterter Jubel ausbrach. „Welcome Baltimore“ seine ersten Worte und dann kam er wie üblich schnell auf den langen beschwerlichen Aufstieg aus dem Morast zu sprechen. Elf Minuten lang, dann schüttelte Obama ein paar Hände; zurück zum Bahnhof. Vom Zug konnte er  dann erster Hand in Augenschein nehmen, wie marode die Infrastruktur hier ist und wie verfallen die Stadt sich entlang den Gleisen darbietet. Und falls er in West Baltimore aus dem Fenster schaute, konnte er sehen wie auf der US 40 ein blauer Jetta aus der Unterführung auftauchte, die er soeben überquerte. Und im Rückspiegel eben dieses Jetta erkannte ich seinen blauen Sonderwagen am Ende des langsam fahrenden ganz normalen Amtrakzuges und wunderte mich, dass sie mich so einfach unter ihm durchfahren ließen. Ein paar Leute standen am Straßenrand und winkten dem in die Nacht entschwindenden Zug nach.

 

Meiner deutschen Nachkriegsgeneration ist ja Heldenverehrung eher zuwider, und so stehe ich auch hier auf der Weltdemokratiewiese, der Washington Mall mit gemischten Gefühlen unterm strahlend blauen Winterhimmel. Pomp in vollster Blüte, gewiss, Sehnsucht nach einem Retter, vielleicht. Aber dann diese Gesten der Normalität. Man muss Obama mal gesehen haben wie er lacht, selbst in diesem Moment, wo der Eid nicht so ganz klappt. Man muss sich ansehen, wie er wie ein ganz normaler junger Vater seine Tochter von den Gleisen zurückhält. Man muss gesehen haben, wie selbst dieses Meer aus zwei Millionen Menschen ihn überhaupt nicht aus der Fassung bringt und er beim anschließenden Lunch mit Prominenz ganz Mensch bleibt als Senator Kennedy einen epileptischen Anfall kriegt und er sich selbstverständlich und fürsorglich einmischt. Als er aus dem gepanzerten Präsidentenwagen aussteigt und ganz locker mit seiner Frau an seiner Seite die Pennsylvania Avenue herunterschreitet, da denkt man eigentlich nicht an einen Helden. Dank meiner Florida Connection habe mit eigenen Augen gesehen, wie er am Abend auf dem Southern States Ball seine Frau in den Arm nimmt und ein paar Runden tanzt. Er strahlt sie an, sie strahlt zurück und es sieht ganz echt aus, ganz natürlich und ungekünstelt, gerade so wie ein Brautpaar bei der Hochzeit den ersten Tanz wagt, obwohl alle wissen, dass er diese Übung an diesme Abend zehnmal durchmacht.  Das hat was so ungemein ziviles, dass mein deutscher Heldenverehrungskomplex sich zu dieser Stunde fast ganz gelegt hat.

 

Es stimmt natürlich, dass dieser weltweite Obamataumel nicht eben rational ist und darüber hinaus unpolitisch, ein Produkt einer Zeit, in der Medien sich ein Thema aussuchen, es hochjubeln und dann fallen lassen. Sarah Palin kann ein Lied davon singen. Doch im Gegensatz zu ihr ist es diesem schlaksigen dynamischen Menschen mit dem komischen Namen nun schon seit zwei Jahren gelungen, die Medien im Bann zu halten. Seine erste Woche im Amt ist da keine Ausnahme. Atemberaubendes Tempo, Sicherheit im Auftritt und scheinbar auch in der Strategie. Und in dieser in dieser Form noch nie vorgekommenen Krise kann man von Kompetenz und klugen Leuten nicht genug kriegen. Weltweit besteht da Bedarf und relativ wenig Angebot, vielleicht von dem Tausendsassa Sarkozy mal abgesehen, der allerdings den Nachteil hat, eher wie ein Gebrauchtwagenverkäufer zu  wirken.

 

Als Teil der Festivitäten vor der Vereidigung gab es am Sonntag dieses Rockkonzert am Lincoln  Mahnmal. Zuerst wollte ich davon nichts wissen, schon wieder diese Popstars auf einer pseudopolitischen Veranstaltung. Kennt man ja zur Genüge. Vorm ins Bett gehen habe aber dann doch auf dem Internet das Web Cast angeklickt. Wollte eigentlich nur ein paar Minuten gucken und konnte mich dann doch nicht losreissen sodass ich es in voller Länge angesehen habe, obwohl es Mitternacht wurde und ich morgens um 5:30 aufstehe. Was zog mich in den Bann? Zum einen waren da diese ungewöhnlichen musikalischen Kombinationen: Springsteen mit Kirchenchor, Country und Hip-Hop, R&B und Lincoln’s Gettysburg Address vorgelesen von Tom Hanks. Dann die reibungslose pausenfreie Inszenierung, die keine Langeweile zuließ. Schließlich das sich verdichtende das Gefühl, dass all diese Beiträge sich tatsächlich zu einer Message aufaddierten. Was Amerika war, was es immer sein wollte und was es sein könnte. Als Einwanderer hat man sich sein Land ja ausgesucht, hat ein Wahl getroffen, hätte ja auch anders können. Ab und zu möchte man die Entscheidung gern bestätigt sehen. Acht Jahre lang war dies unmöglich. Ich konnte mich in Deutschland nicht sehen lassen ohne die hämischen Fragen. Ja, warum Amerika? Nun erinnere ich mich an die Bridge zum 21. Jahrhundert, von der Bill Clinton gesprochen hatte und merke, diese Brücke muß noch immer gebaut werden. Dringender denn je. Und ich knipse das Licht aus und fühle mich irgendwie aufgerufen mitzubauen.

 

Die Film- und Musikstars, die zwei Millionen, die zur Amtseinführung nach Washington strömten, die Menschen in Baltimore, Denver und Berlin, sie alle hungern danach, dass etwas Bedeutsames getan wird. Dass wir unseren Zynismus für eine Weile ablegen können und dass die Zukunft womöglich doch besser sein kann als die Gegenwart.

 

Wie eine Mauer steht vor dieser Hoffnung jedoch, was die Medien gerne die größte Wirtschaftskrise seit der Weltwirtschaftkrise nennen. Obama hat schon im Wahlkampf verkündet, dass dieses Biest gebändigt werden muss, vor allem mit großen Staatsausgaben. Jedermann kann sehen, dass dieses Land einen guten Investionsschuss in Infrastruktur und Umwelttechnologie gebrauchen kann. Weniger einsichtig erscheint mir, dass eine Krise, durch weitere Schulden und das Drucken von Geld abgewendet werden kann, die doch durch eine Kapitalflut entstanden ist, der keine eigentlichen Werte entsprachen. Keynes’ antizyklisches Ausgeben wäre ja schon recht, wenn diese Krise ursprünglich eine Nachfragekrise wäre. Ist sie ja aber nicht. Die Nachfragekrise ist ja nur das Resultat der Finanzkrise und die Finanzkrise resultiert aus irrealer Wertschöpfung, wo man schonmal Schulden zum Guthaben umdeklariert hat. (Credit swaps). Falls die Stimulierungspakete, die nun weltweit geschnürt werden, wenigstens künftigen Generationen diesen würden, denn deren Geld wird ja nun heute schon ausgegeben, dann könnte man dies ja noch als Investition verstehen, die gelegentlich eine Rendite abwerfen wird. Aber all dies hastige Geldausgeben, einschließlich der Steuersenkungen, dass kann ja am Ende nur zur Staatspleite führen. Island ist ja schon soweit, England steht kurz davor. Wir in den USA sollten uns nicht einbilden, dass wir nur deshalb nicht bankrott gehen können, weil unser Bruttosozialprodukt so groß ist. Das haben die Engländer während der Suezkrise auch gedacht, bis die Amis ihnen mit Entzug der Darlehen drohten. Dies könnten heute die Chinesen den USA androhen und dann wäre der Ofen aus. 

 

So gesehen paart sich hier der Niedergang einer Großmacht mit dem Auftauchen eines vielversprechenden Präsidenten, der den totalen Absturz vielleicht gerade noch einmal verhindern kann. Die Welt kann Obama gut gebrauchen, aber er wird nur dann halten können, was man sich erhofft, wenn wir aufhören nur Zuschauer und Konsumenten zu sein. Es geht um nichts geringeres als den Kapitalismus neu zu definieren oder ihn gar zu überwinden und eine nachhaltige Wirtschaftsform zu finden, die nicht auf ständiges Wachstum angewiesen ist. 

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